Wörterbuch der Herkunft

Ich stimme Sätze an, die aus der Fantasie kommen. Ich habe mein Leben verdrängt, ich habe meine Vergangenheit vergessen. Die Sätze von Fremden sollen sie ersetzen, wollen mir aber nicht gelingen. Ich muss graben, um die Wahrheit zu schreiben, ich muss meine eigene Sprache finden. Vielleicht soll es so sein, dass ich von mir schreibe. Aber wer will das lesen?

Ich habe nun ein Wörterbuch geschrieben. Ich brauchte es, um die Worte zu übersetzen, die ich hier denke und dort spreche. Manchmal werde ich verstanden. Dann blättere ich in dem Wörterbuch. Die Sprache, die ich darin finde, ähnelt mir nicht mehr.


Check Your Habitus

Seit dem Wochenende halte ich das bei SUKULTUR erschienene Heft Check Your Habitus von Daniela Dröscher und Paula Fürstenberg in den Händen. (Ich weiß, ich bin ein Spätzünder.) Die darin veröffentlichten poetischen Stimmen haben etwas in mir gelöst, dass ich schon lange spüre. Sie gaben den Blick frei auf einen Zwischenraum, der mich diffus umgibt. Ich gehöre nicht mehr zu jener Welt, in der ich aufgewachsen bin. Ein Glück, will ich fast sagen. Doch wohin gehöre ich? Ich bin nicht Schriftsteller und auch nicht Künstler, will ich sagen. Ich gehöre nicht in diese Welt. Bin ihr nur beigeordnet. Oder doch? 

»Du kannst alles erreichen, was du dir vorgenommen hast. Wir sind stolz auf dich«, sagen meine Eltern immer wieder. Und doch fühle ich mich soweit weg von beidem, dem Ort, dem ich entstamme, und dem Ort, der mich empfangen soll. Wer mich reden hört, entlarvt mich umgehend als gewollten Emporkömmling. In dieser Welt gibt es mich nicht, obwohl ich meine Herkunft zumindest in meiner Sprache mittlerweile verleugne.