Lied der Mutter

Weißt du noch, wo wir saßen?
Auf der Bank hinterm Haus.
Dort wo die wilden Weiden blüh’n,
und die Wolken im Winter glüh’n.
Auf der Ukulele klingen die Seiten,
wie kleine Spatzen, die sich streiten.
Bienen flirren durch die Nacht.
Auf dem Platz steht ein Soldat aus Gold.
Er fragt, ob du nicht singen magst.
Ich klatsche kindisch laut und lache.
Setz dir eine Krone auf das Haupt,
die im Glanz der Sonne leuchtet.
Es ist nicht einfach, still zu sein.
Du singst von Seen, die noch tiefer sind,
das Blau der Wellen bleibt ganz klar.
Das Gold der Bäume macht mich blind
und deine Stimme klingt noch zart.

Hinterm Zaun stehen schon die Massen,
schreien, beißen, wollen uns fassen.
Dem gold’nen Soldaten treibt‘s die Tränen,
er reißt den Verschluss noch ran.
Es knallt, er grüßt die Liebste
mit Küssen, Blicken.
Er hat‘s geahnt, sie wird warten.
Sein Blick wird kalt
und die Beine geben nach.

Die Liebste betet furchtbar schlecht,
wie soll sie ewig warten?
Muss sie?
Soll sie auch über den Tod hinaus
noch Trauer tragen
so klingt’s, was die Alten sagen.
Lieber schallt Musik aus ihren Fenstern,
Stimmen durchbrechen den Wind.
Ihr Suchen ist ein warmes Flehen,
ein nacktes Drängen für stolze Soldaten,
mit ihr ins Bett zu gehen.

Das Stöhnen klingt fortan
lauter als Kanonenklang.
Wir schwärmen hinter’m Haus
von ihrem Liebesdrang.
Und all die furchtlosen Kerle
wollen auf dem Weg zur Front
an ihren nackten Busen.
Wollen das Feuer ihrer Lippen
in tiefster Nacht und
ihre Augen leuchten noch
im Fadenkreuz der Feindeswacht.

So fallen die wilden Kerle,
Mann um Mann und
weit und breit keiner,
den sie retten kann.
Der Krieg zieht bitter übers Land,
alle Söhne sind längst fortgegangen.
Eines schönen Tages steht
ein großer Herr im Zimmer.
Er sprach wichtig
von großen Fragen der Nation
und ob sie den jungen Kerlen
neben all der Liebe nicht auch
etwas Leben schenken kann.
Was bleiben denn Söhne,
wenn sie nicht auch Väter waren?

Wir singen das Lied
von unserer Mutter, die uns
von jedem, der gefallen war,
Tag für Tag ein Kind gebar.
Was bleibt von all den Söhnen,
wenn sie nicht als Väter
vor lauter Blut und Größenwahn
ertrinken
im Dreck der Bombenkrater.
Tausende hat sie geboren,
tausende zu Grab getragen.

Heute ist sie grau und alt,
ihre Lippen zittern schmal und kalt.
Mit trägem Blick will sie zu jenem Ort,
wo vor Jahren schon der Erste starb.
Unterm Kanonenhagel schaufelt sie
Gräber für all die,
die in ihren Armen lagen
und sie lagen ohne Glück,
die Bahnen fuhren unter Volldampf
und brachten keinen zurück.


Lyrik-Playlist im Oktober